Der November hat einen schweren Stand. Die Tage werden kürzer, und der Nebel hält sich manchmal bis zum Mittag. Dichter haben diesen Monat trotzdem gern beschrieben, oft liebevoller, als man erwarten würde. Mit diesem Beitrag beginnt unsere Reihe „Gedicht des Monats“: Jeden Monat stellen wir Gedichte vor, die zur Jahreszeit passen. Als Gedicht zum November haben wir gleich drei ausgewählt, die sich gut an einem grauen Nachmittag lesen lassen.
Heinrich Heine: „Im traurigen Monat November war’s“
Mit diesen Zeilen beginnt „Deutschland. Ein Wintermährchen“, eines der bekanntesten Werke von Heinrich Heine. Heine lebte seit Jahren in Paris, als er im Herbst 1843 nach Hamburg reiste, um seine Mutter wiederzusehen. Aus der Reise wurde ein langes Gedicht, das spottet und zugleich voller Heimweh ist. Hier der Anfang:
Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist’ ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zu Muthe;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.
Heinrich Heine, aus: Deutschland. Ein Wintermährchen, Caput I (1844)
So stehen „Muthe“ und „begunnen“ in der Erstausgabe von 1844.
Rainer Maria Rilke: „Herbst“
Rilkes Gedicht beginnt mit dem Blätterfall, den jeder aus dem Herbst kennt. Dann wird es größer: Nicht nur das Laub fällt, sondern alles, am Ende auch wir selbst. Allein lässt Rilke uns mit diesem Gedanken aber nicht – die letzte Zeile ist ein Trost.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke, Herbst. Aus: Das Buch der Bilder (Ausgabe 1906)
Conrad Ferdinand Meyer: „Novembersonne“
Dass der November auch helle Stunden hat, zeigt der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer. Die Weinlese ist vorbei, unter den Linden liegt das Laub. Da wärmt die Sonne noch einmal, und Meyer stellt sie sich vor wie jemanden, der das ganze Jahr hart gearbeitet hat und nun endlich frei ist.
In den ächzenden Gewinden
Hat die Kelter sich gedreht,
Unter meinen alten Linden
Liegt das Laub hoch aufgeweht.
Dieser Erde Werke rasten,
Schon beginnt die Winterruh –
Sonne, noch mit unverblaßten,
Warmen Strahlen wanderst du!
Ehe sich das Jahr entlaubte,
Gingen, traun, sie müßig nie,
Nun an deinem lichten Haupte
Flammen unbeschäftigt sie.
Erst ein Ackerknecht und Schnitter,
Noch ein Traubenkoch zuletzt,
Bist du jetzt der freie Ritter,
Der sich auf der Fahrt ergetzt.
Und die Schüler, zu den Bänken
Kehrend, grüßen jubelvoll
Hingelagert vor den Schenken
Dich als Musengott Apoll.
Conrad Ferdinand Meyer, Novembersonne. Aus: Gedichte (1882)
Zwei Wörter zum besseren Verständnis: „traun“ ist ein altes Wort für „wahrlich“, und „ergetzt“ heißt „vergnügt sich“.
Und Erich Kästner?
Wer nach Gedichten zum November sucht, landet schnell bei Erich Kästner. In seinem Zyklus „Die 13 Monate“ von 1955 hat er jedem Monat ein Gedicht gewidmet, auch dem November. Abdrucken dürfen wir es leider nicht: Kästners Texte sind urheberrechtlich geschützt, und zwar bis Ende 2044. Das schmale Bändchen gibt es aber im Buchhandel und in vielen Bibliotheken. Es eignet sich gut als Geschenk für alle, die gern durchs Jahr lesen.
Anfang Dezember geht es weiter – dann mit einem Gedicht zur Weihnachtszeit.
Quellen: